«Nur jetzt noch alles Gute mitnehmen, solange man es noch genießen darf» – Ostende

Am Meer immerhin hat sich wenig geändert. Nach wie vor kräuseln sich die Wellen, schlagen in der gleichen Kadenz am Strand auf, um sich zurückzuziehen und einen erneuten Anlauf zu nehmen. Immer noch gibt es Kinder, die am Strand Sandburgen bauen. Und trotz Klimaerwärmung ist es hier häufig kühl und windig – eben nicht so wie an der Côte d’Azur oder der Riviera –, so dass die Badegäste sich nicht selten ein T-Shirt oder eine Jacke überstreifen müssen und sich nur Mutige ins Wasser trauen. Doch schon die Bademode ist kaum mehr wiederzuerkennen. Die Frauen tragen keine wallenden, sich im Wind bauschenden Röcke mehr, wie damals, kurz nach der Jahrhundertwende die schwedische Schriftstellerin Sophie Elkan. Diese verbrachte mit ihrer Freundin Selma Lagerlöf ein paar Tage hier, bevor die beiden ihre Grand Tour fortsetzten. Ihre schwarzweissen Bilder lassen etwas von der untergegangenen Strandkultur Ostendes erahnen.[1]

Sophie Elkan in Ostende, 1907

Im Stadtbild sind die Änderungen noch viel offensichtlicher. Wendet man nämlich seinen Rücken dem Meer zu und schaut in Richtung der Häuserfassaden, präsentiert sich ein völlig anderes Bild als noch vor hundert Jahren. Der Blick bleibt an Appartementhäusern hängen, die ab den 1960er-Jahren erbaut wurden und inzwischen nahezu die gesamte Küstenlinie Ostendes dominieren. Die meisten Bauten aus der Belle Époque, wie sie auf früheren Postkarten noch zu sehen sind, sind verschwunden. Kaum noch etwas ist vom mondänen Ostende der Vorkriegszeit übrig geblieben, als es eine direkte Zugverbindung von und nach Wien, Karlsbad, Triest, Konstantinopel, Berlin und St. Petersburg gab. Die Häuser erscheinen funktional mit ihren großen Fenstern und Terrassen, was noch charmant formuliert ist für diese gesichtslosen Appartementkästen. Rentner haben sich in ihnen eingemietet oder Eigentumswohnungen gekauft. In beigen oder grauen Jacken patrouillieren sie mit ihren Hündchen auf den Quais, so jedenfalls hat es ein Reporter in einer ebenso bösen wie luziden Reportage beschrieben.[2]

Kaum eine andere Künstlerkolonie hat so tiefgreifende städtebauliche Umwälzungen erfahren wie diese belgische Hafenstadt. Das ehemalige Ostende ist kaum mehr wiederzuerkennen, was mit den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt: Ende Mai 1940 sind hier deutsche Truppen einmarschiert, was nicht abging ohne Bombenhagel über der Stadt, welchem das Rathaus und die Bibliothek zum Opfer fielen. Ein zweites Mal wurde Ostende 1944 durch die Luftangriffe der Alliierten zerstört. Wer sich darüber informieren will, kann dies im Freilichtmuseum Atlantikwall am nordöstlichen Strand von Ostende tun. 60 Bunker lassen sich hier ebenso besichtigen wie Geschütze der verteidigenden Wehrmacht, um welche die Touristen gehen wie um Artefakte einer längst vergangenen Epoche. Abgesehen davon lässt sich nicht abstreiten: In Ostende herrscht ein Defizit an historischer Anschauung.

Doch auch das Gegenteil ist wahr: Mit gleichem Recht kann man argumentieren, dass es in Ostende ein Zuviel an historischer Anschauung gebe. Zu verdanken ist dies einem einzigen Werk, nämlich Volker Weidermanns Bestseller «Ostende. 1936 – Sommer der Freundschaft». Der Plot dieses schmalen Bändchens ist schnell zusammengefasst. Eine Gruppe von Emigranten trifft sich in Ostende zu einem letzten verzweifelten Stelldichein, bevor sie durch die weltpolitischen Umstände in alle Winde zerstreut werden. Plastischer hätten die Figuren nicht geschildert werden können, der erfolgreiche Schriftsteller Stefan Zweig, der den  verzweifelte Alkoholiker Joseph Roth an einen Ort lotst, an dem strikte Prohibition herrscht. Dieser wiederum stürzt sich in eine Affäre mit Irmgard Keun, die eben aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen ist. Das Café Flore als wichtiger Schauplatz ist ebenso aus dem Stadtbild verschwunden wie der ehemalige Kursaal. Nur das Belle-Époque-Interieur des Café Parc (inzwischen Brasserie du Parc) hat bis heute überdauert.[3]

So suggestiv sich Weidermanns Kammerspiel ausnimmt, so flüssig sich dessen Geschichte liest, bildet sie doch nur eine, wenn auch besonders einprägsame Facette des Künstlerorts Ostende. Denn dessen Geschichte, selbst die des Exilorts, fängt bereits im 19. Jahrhundert an und setzt sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg fort.[4] Eine Konstante darin ist der belgische Künstler James Ensor, der nahezu sein gesamtes Malerleben in der belgischen Küstenstadt lebte und als aufmerksamer Zeitgenosse von der Aufbaustimmung um die Jahrhundertwende bis zu den Zerstörungen des Weltkriegs alle Wandlungen mitbekam. In der Nachkriegszeit haderte er mit Ostendes baulicher Verschandelung und erging sich in Invektiven an die Adresse der dafür Verantwortlichen: «Ihr Architekten ohne Maulkorb, eure veralteten Kästen kotzen uns an. Ihr kurzsichtigen Backsteinbeißer, auf euren sandgoldenen azurnen Wappenschildern wird in unauslöschlichen Lettern stehen: Hafenbecken von Ostende. Und ich rufe abschließend und aus voller Lunge: Nieder mit den Vandalen! Nieder mit den technischen Stubenhockern! Nieder! Nieder mit den Zerstörern der großartigen Schönheit unseres Flandern!»[5]

Ensors Wohn- und Arbeitshaus, ein ehemaliger Souvenirladen an der Vlaanderenstraat, gehört zu den wenigen noch erhaltenen Gebäuden aus der Vorkriegszeit und ist inzwischen ein Museum. Die Innenräume scheinen unberührt von modernen Einflüssen, als hätte der Künstler eben den Raum verlassen. Die antiken Möbel, die Theke aus dunklem Holz, der Kamin und auch Teppiche und farbige Tapeten lassen die Besucher in eine untergegangene Welt eintauchen. Eine Vase mit Trockenblumen verstaubt auf einem Regal, Totenköpfe, Muscheln und Masken verleihen dem Raum die Atmosphäre eines Kuriositätenkabinetts. Im Blauen Salon, dem ehemaligen Atelier Ensors, hängt eine Reproduktion seines bekanntesten Gemäldes «Christi Einzug in Brüssel». Originale sind im nahe gelegenen Mu.ZEE zu besichtigen, etwa seine Maskenbilder, die geradezu emblematisch die Doppeldeutigkeit und das Chimärenhafte der Gesellschaftsstimmung im Fin-de-siècle zum Ausdruck bringen.

Auf einer Fotografie posiert James Ensor mit dem belgischen Symbolisten Léon Spilliaert auf einer Terrasse. Im Hintergrund ist der Ostender Strand mit seinen später abgebauten Badehäuschen zu erkennen. Diesem auf der Fotografie so verlassen wirkenden Strand hatte Ensor 1899 mit dem Bild «Die Badenden von Ostende» ein nahezu karikatureskes Bild gewidmet, auf dem sich zahlreiche Badegäste im Licht der grinsenden Sonne am und im Wasser vergnügen und wie bei einem Wimmelbild eine Vielzahl von Geschichten entdeckt werden können.[6]

James Ensor und Léon Spilliaert

Für viele Künstler, auch die späteren Emigranten, war James Ensor eine Anlaufstelle, an die sie sich hilfesuchend wandten. Er verfasste Empfehlungsschreiben, vermittelte  Ausstellungsmöglichkeiten und setzte sich nach Kräften für manchen Verfolgten ein. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hat Stefan Zweig den damals schon berühmtesten Maler Belgiens besucht und ihm in seinem Erinnerungswerk «Die Welt von Gestern» einige ebenso respektvolle wie ironische Zeilen gewidmet. So war Ensor nach den Erinnerungen Zweigs viel stolzer «auf die kleinen schlechten Polkas und Walzer, die er für Militärkapellen komponierte, als auf seine phantastischen, in schimmernden Farben entworfenen Gemälde.» Auch habe er seine Werke nur sehr widerwillig verkauft, und wenn, dann nur sehr teuer, «denn er hing mit derselben Gier am Gelde wie an jedem seiner Werke».[7]

Zweig verdanken wir auch eine eindrückliche Schilderung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, den er im Juli 1914 im belgischen Seebad erlebte. Es herrschte «Sorglosigkeit», «[d]ie Urlaubsfreudigen lagen unter ihren farbigen Zelten am Strande oder badeten, die Kinder ließen Drachen steigen, vor den Kaffeehäusern tanzten die jungen Leute auf der Digue.» Von den bedrohlichen Nachrichten, welche durch die Zeitungsjungen verkündet wurden, ließen sich die Badegäste wenig beeindrucken, weiterhin plätscherten sie «vergnügt prustend im Wasser». Noch waren die Hotels voll. Erst die mit Maschinengewehren anrückenden belgischen Soldaten beeinträchtigten die Stimmung nachhaltig. Wie alle anderen ausländischen Gäste reiste Zweig Hals über Kopf ab.[8]

Während des Ersten Weltkriegs kam der Tourismus zum Erliegen, Ostende wurde von Soldaten in Beschlag genommen. Unter ihnen, als Teil eines Freiwilligen-Sanitätszugs, waren auch die Maler Anton Kerschbaumer, Max Kaus und Erich Heckel sowie der Schriftsteller Ernst Morwitz aus dem George-Kreis. Sie fanden dank eines ihnen wohlgesinnten Vorgesetzten auf der «Krankensammelstelle Ostende» genug Zeit, um Sujets aus der Umgebung zu malen, so etwa den Kursaal oder Schiffe im Hafen. 1915 schufen sie gemeinsam die Wandbilder der Warteräume des Ostender Bahnhofs, die leider nicht erhalten sind. Zur Weihnachtsfeier 1915 der Soldaten schuf Erich Heckel auf zwei zusammengeleimten Zeltbahnen die «Madonna von Ostende». In der Berliner Nationalgalerie ausgestellt, erlangte es in der Nachkriegszeit als Ikone der Kriegskunst große Popularität, 1945 wurde es bei einem Bombenangriff zerstört. Der schwierigen Zeitumstände zum Trotz stellten die Ostender Jahre für alle drei Maler eine fruchtbare Schaffensperiode dar.[9]

Mit der sich allmählichen Zuspitzung der europäischen Lage gewann das Exil im neutralen Belgien für Intellektuelle und Künstler anfangs der 1930er-Jahre eine größere Bedeutung. Noch war es für Juden möglich zu reisen, bis gegen Ende des Jahrzehnts auch dies zunehmend schwieriger wurde und sie nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 auch in Belgien um ihr Leben fürchten mussten. In diesen Zwischenjahren bildete Ostende einen wichtigen Rückzugsort für Oppositionelle. Auf Veranlassung des Sammlers Albert Croquez reisten 1932 Édouard Vuillard und Moïse Kisling aus Sanary an. Auch Max Beckmann und Heinrich Campendonk, die beide in Amsterdam im Exil lebten, verbrachten regelmäßig Tage in Ostende. Als in Deutschland unerwünschte Künstler während der Nazizeit waren beide mit mehreren Werken in der Ausstellung «Entartete Kunst» 1937 in München vertreten.[10]

Auch Albert Einstein, Physiker, Entdecker der Relativitätstheorie, hochgeachteter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin, Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften, weltberühmter Medienstar und Jude hatte vor den Nazis fliehen müssen. Er bezog die Villa Savoyarde in Le Coq bei Ostende, währenddessen die Polizei sein erst 1929 fertig gestelltes Sommerhaus in Caputh – ein Paradies für den naturverbundenen Albert und seine Frau Elsa – und die Berliner Stadtwohnung durchsuchten und dabei auch Bilder und Teppiche mitgehen ließen. Bald sah sich Einstein gezwungen, seinen deutschen Pass auch formell zurückzugeben. In einem Brief fasste er seine Situation zusammen: «Ich bin in Deutschland zur bösen Bestie avanciert und man hat mir alles Geld genommen. […] Mich persönlich hat es nicht erwischt, wohl aber so ziemlich alle, die mir einigermaßen nahestehen.»[11]

So gut es eben ging, versuchte Einstein seine wissenschaftliche Arbeit in Belgien fortzuführen. Im April 1933 folgten ihm seine Sekretärin Helen Dukas und der Assistent Walther Mayer nach Ostende nach. Da Albert und Elsa Einstein zu den gefährdeten Personen zählten, wurden sie unter Polizeischutz gestellt. Die Polizei hielt das exzentrische Gebaren des Physikers fest, der sich auch im Exil nicht von seiner Angewohnheiten abbringen ließ, Fenster und Türen in seinem ebenerdigen Arbeitszimmer offen zu halten. Auch sonst verhielt er sich unangepasst: «Der Gelehrte ist des Öfteren zwischen 2 und 3 nachts ausgegangen, ohne vorher Bescheid zu sagen.»[12] Im Gegenzug fühlte sich Einstein überwacht; kaum angekommen, schmiedete er bereits Pläne zur Weiterreise.

Auch das Geigenspiel nahm Einstein in Ostende wieder auf. Zwar war er mit seinem «Strich wie ein Holzfäller» kein Virtuose, doch minderte dies seine Passion für das Musizieren in keiner Weise. Bereits vor der Emigration hatte er mit der belgischen Königin Elisabeth klassische Stücke von Haydn oder Mozart interpretiert, die seinem «ultrakonservativen Musikgeschmack» entsprachen. Erneut ließen es sich die Königin und der Physiker nicht nehmen, stundenlang gemeinsam zu musizieren. Am 10. August 1933 gab Einstein sogar ein kleines Violinrecital im Kursaal von Ostende. Unter den Zuhörenden sass neben Elisabeth auch James Ensor.

Allbert Einstein und Elisabeth von Belgien

Elisabeth fand in Einstein auch einen aufmerksamen Betrachter ihrer Skulpturen, denn ja, die Königin war auch bildhauerisch tätig. Ganze Tage verweilte sie mit ihrer Lehrerin Catherine Barjansky im Atelier. Wie Letztere später schrieb, fragte Einstein beim Betrachten einer Büste: «‹Haben Sie das selbst gemacht?› […] ‹Aber ja›, bestätigte Ihre Majestät. ‹Madame Barjansky rührt meine Skulpturen nie an Sie hat eine direkte und sehr eigene Methode des Unterrichtens›, fügte sie hinzu. Einstein lachte: ‹Sie haben es nicht nötig, eine Königin zu sein›, sagte er und Elisabeth errötete vor Freude über dieses Kompliment.»[13]

Der Aufenthalt in Belgien konnte nicht von Dauer sein, zu nah lag die deutsche Grenze, zu groß war die Angst vor einem erneuten Einmarsch der deutschen Armee in Belgien. Anfangs September, nur einen Monat nach dem Auftritt im Kursaal, wanderten Albert und Elsa Einstein über London und Southampton in die USA aus. In Princeton fand Albert eine neue Wirkungsstätte mit exzellenten Forschungsmöglichkeiten. Stärker denn je setzte er sich von da aus für seine pazifistische Weltanschauung ein, auch wenn er in einer Stellungnahme einräumen musste, dass das «Kampfmittel der Dienstverweigerung» erst wieder empfohlen werden könne, «wenn die militärische Bedrohung der demokratischen Länder durch Diktaturen mit aggressiven Tendenzen aufgehört hat».[14] Anderen in Deutschland gefährdeten Personen verschaffte er Affidavits (Bürgschaftserklärungen), die ihnen die Emigration in die USA ermöglichten. Manchmal konnte er sich in der privilegierten Abgeschiedenheit von Princeton des schlechten Gewissens schlecht erwehren, wie er zwei Jahre nach der Ankunft an Elisabeth schrieb: «Auch hierher in dies kleine Universitätsstädtchen dringen kaum die wirren Stimmen des menschlichen Kampfes. Ich schäme mich fast, in solcher beschaulichen Ruhe zu leben, während sonst alles kämpft und leidet.»[15]

Damit hatte Einstein einen Punkt getroffen, denn sogar Stefan Zweig, der lange gedacht hatte, er könne die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland ignorieren, hatte auf einmal mit grossen Problemen zu kämpfen. 1936 konnten Zweigs Bücher in Deutschland nicht mehr erscheinen, sein jüngstes Buch über Calvin wurde anders als frühere Bestseller von der Presse und vom Publikum nicht gut aufgenommen. Auch finanziell hatte er schon rosigere Zeiten gesehen: Zweig sah sich gezwungen, seine Autografensammlung über einen Händler in Zürich zu veräußern.

In Ostende teilte Zweig sein Hotelzimmer mit Lotte Altmann, einer deutlich jüngeren Jüdin aus Kattowitz in Oberschlesien, die in Frankfurt Französisch, Englisch und Volkswirtschaft studiert hatte und zwangsexmatrikuliert worden war. Bereits zuvor hatte sie als Sekretärin den auf dem gesellschaftlichen Parkett etwas ungelenken Zweig auf eine Recherchereise auf den Spuren Maria Stuarts nach Schottland begleitet. Die ausgebootete Ehefrau Friederike, die in ihren Briefen an den Ehemann von Lotte Altmann nur «A» oder «Deine Vertraute» nannte, war in der gemeinsamen Villa auf dem Kapuzinerberg in Salzburg geblieben.[16]

Wie überall sonst, schrieb Zweig auch in Ostende diszipliniert an seinen Werken. Die regelmäßige Arbeit verschaffte ihm innerliche Entlastung in einer zunehmend als hoffnungslos empfundenen Zeit. In einem Brief an die Schriftstellerin Annette Kolb gab er seinen Gefühlen Ausdruck: «Gerade daß ich à la longue pessimistisch eingestellt bin, gibt mir eine gewisse Steigerung der Genußfähigkeit: nur jetzt noch alles Gute mitnehmen, solange man es noch genießen darf.»[17]

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Joseph Roth und Stefan Zweig in Ostende

Härter noch als Stefan Zweig hatte es dessen jüngeren Freund Joseph Roth getroffen. «Er verdiente viel Geld und gab es mit beiden Händen aus; er war großzügig bis zum Größenwahn.»[18] Das war einmal. So wie ihn der bekannte Géza von Cziffra charakterisiert hatte, konnte Roth nicht mehr weitermachen. Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme waren seine Bücher in Deutschland verboten worden. Seine Einnahmen brachen weg, von den Vorschüssen, die er für noch ungeschriebene Romane erhalten hatte, war kaum etwas übrig geblieben. Dazu kam, dass sich Roth nach sieben Jahren Beziehung eben von seiner Freundin Andrea Manga Bell, einer in Kamerun geborenen und in Hamburg aufgewachsen Schauspielerin mit zwei Kindern getrennt hatte. Ob  er deswegen zu oft und zu viel trank?

Als väterlicher Freund musste Zweig einsehen, dass es eine vergebliche Mühe war, Roth zu raten, seine privaten Schulden aufzulisten und einen Zahlungsplan aufzustellen.[19]  Roth wollte sich nicht helfen lassen und verschloss die Augen vor seiner Situation. «Haben Sie endlich den Mut, sich einzugestehen, daß, so groß Sie als Dichter sind, Sie im materiellen Sinne ein kleiner armer Jude sind», rief Zweig Roth ins Gedächtnis.[20] Auf Dauer werde der fortgesetzte Alkoholkonsum der Qualität seiner Bücher schaden. Der von ständigen Selbstzweifeln geplagte Roth ließ sich jedoch nicht davon abhalten: «Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert mich eher als dass es mich ruiniert  […] Ich will damit sagen, dass der Alkohol zwar das Leben verkürzt, aber den Tod verhindert.»[21]

In einem Brief machte Zweig dem zögernden jungen Kollegen Ostende schmackhaft  – und dieser ließ sich darauf ein. Nach einer zweiwöchigen Wartefrist auf das Visum in Amsterdam durfte Roth endlich nach Belgien einreisen. In Ostende angekommen, setzte er sich nach der Façon der Wiener Literaten ins Café Flore, um zu arbeiten. An den Strand gehen, gar in der Nordsee baden? Nein darauf verzichtete er gerne, schließlich gingen die Fische ja auch nicht ins Caféhaus, pflegte er zu sagen.[22]

Durch Vermittlung von Egon Erwin und Gisela Kisch machte Joseph Roth die Bekanntschaft der «Asphaltliteratin» Irmgard Keun. Diese hatte eben als 25-Jährige Autorin mit zwei veröffentlichten Romanen Deutschland verlassen und stand in Trennung von ihrem deutschen Ehemann. In einem Brief nach Deutschland schrieb sie: «Ich bin die einzige Arierin hier!»[23] Das war nur wenig übertrieben. In Ostende traf Keun auf so illustre Figuren wie Egon Egon Erwin Kisch, den Dramatiker Ernst Toller und seine junge Freundin Christiane Grautoff, den Kommunisten Willi Münzenberg und auf Arthur Koestler, der in Bredene bei Ostende versucht, eine Fortsetzung des Braven Soldaten Schwejk zu schreiben. Später erinnerte sich Irmgard Keun an ihr erstes Zusammentreffen mit Joseph Roth: «Als ich Joseph Roth damals zum ersten Mal in Ostende sah, da hatte ich das Gefühl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nächsten Stunden stirbt. Seine runden Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram. Später verwischte sich dieser Eindruck, denn Roth war damals nicht nur traurig, sondern auch noch der beste und lebendigste Hasser.»[24]

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Irmgard Keun in einem Ostender Café

Joseph Roth und Irmgard Keun verliebten sich ineinander, bald schon zog er zu ihr ins Hotel de la Couronne. Gemeinsam arbeiteten sie in den Caféhäusern: Während er ganz hinten im Raum schrieb, bevorzugte sie einen Platz am Fenster. Sie hätten einander eine Stütze in einer schwierigen Zeit sein können, doch dem war eher nicht so, wie Egon Erwin Kisch notierte: «Sie versucht ihm das Trinken abzugewöhnen und er, es ihr anzugewöhnen. Ich glaube, er gewinnt.» [25]

In ihrem 1938 veröffentlichten Roman «Kind aller Länder» setzte sich Keun mit dem Emigrantenschicksal auseinander. Sie beschreibt die Odyssee einer Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und dem zehnjährigen Mädchen Kully, durch ein von feindlichen Kräften okkupiertes Europa. Dem Vater als verlotterten Emigrantenschriftsteller wird Keun auch Charakterzüge von Joseph Roth verliehen haben. Der aus der Perspektive von Kully erzählte Roman mäandert kaleidoskopisch durch die Zeit, und es erscheint trotz mehr oder weniger einleuchtenden Rekonstruktionsversuchen der erzählten Reise fraglich, ob eine widerspruchsfreie Route ohne logische Fehler und Zeitsprünge aus dem Text gewonnen werden kann. Als Schauplätze tauchen die Orte Wien, Salzburg, Brügge, Ostende, Brüssel, Amsterdam, Paris, Marseille, Nizza, Amsterdam und Rotterdam neben vielen anderen auf. Kully ist, im Jargon der Germanisten, eine «unzuverlässige narrative Instanz»[26], und gerade dies macht die Dringlichkeit des Romans aus: Die Sprunghaftigkeit der Narration steht stellvertretend für die Not und die Überforderung, welche das Leben im Exil bereithielt.

Der bereits 1939 auf Holländisch übersetzte Roman fand in den Niederlanden große Beachtung. In der Literaturzeitschrift «De Nieuwe Gids» wurde er als «tief anrührend», «unwiderstehlich» und als wichtigen Exilroman bezeichnet. Fritz Erpenbeck sah in ihm «furchtbare Anklage gegen die Schänder Deutschlands»[27] Der in Mallorca im Exil lebende Albert Vigoleis Thelen konnte dem Roman hingegen wenig abgewinnen. Er störte sich besonders daran, dass einem Kind Dinge in den Mund gelegt wurden, die «einen gewissen Grad an Erwachsenheit voraussetzen.»[28]

So wie Kully und ihre Eltern wurden auch andere Oppositionelle durch halb Europa getrieben. Die Machtverschiebungen auf dem europäischen Kontinent machten einen Ortswechsel immer wieder nötig. Auch Ostende konnte für die Emigranten nur ein vorläufiger Aufenthaltsort sein. Das galt auch für den Maler Felix Nussbaum, der zusammen mit seiner Gefährtin und späteren Ehefrau Felka Platek ein ganz besonders grausames Schicksal erleiden musste. Nach einem Streit mit einem anderen Stipendiaten hatte der aus begütertem jüdischem Elternhaus in Osnabrück stammende Nussbaum im Mai 1933 die Deutsche Akademie der Villa Massimo in Rom verlassen müssen. Für ihn war es ebenso wie für die polnische Jüdin Felka Platek ausgeschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Zunächst schlugen sie sich an verschiedenen Orten der italienischen Riviera durch, bevor sie 1935 nach Ostende kamen. Die ebenfalls als Malerin ausgebildete Platek stellte ihre eigenen künstlerischen Ambitionen weitgehend zu seinen Gunsten zurück.

Eine in diesem Jahr aufgenommene Fotografie zeigt Nussbaum – wegen seiner geringen Körpergröße auch der «Napoleon der Kunst» genannt – zusammen mit seinem durchreisenden Freund Rudi Lesser. Noch wirkt der Künstler in seinem etwas zu groß geschnittenen Anzug elegant, denn auch im Exil lebte Nussbaum getreu seinem Motto: «Ein guter Maler soll wie ein tüchtig arbeitender, ruhiger Bürger aussehen. […] Ich hasse verschmierte Anzüge, flatternde Schleifen und wallende Mähnen – das ganze Bohemegetue.»[29] Nach Möglichkeit versuchten er und Felka Platek am gesellschaftlichen Leben von Ostende teilzunehmen. Am Maskenball, den sie auf Einladung von James Ensor besuchen, tragen sie eine selbstgefertigte Maske, die einen Mann am Arm seiner Frau auf einem Spaziergang durch eine südliche Gegend zeigt. Nur hat der Mann seinen auf einem Giraffenhals thronenden Kopf einer anderen Frau zugewandt, wobei sich die beiden selig zulächeln. Einen Preis für die Maske erhielten sie nicht.[30]

Rudi Lesser und Felix Nussbaum, Ostende 1935

In der angespannten politischen Situation war die Heiterkeit nahezu vollends aus Nussbaums Ostender Leben geschwunden, was sich auch in seinem Werk zeigte. Anders als 1928, als er zum ersten Mal im Hotel Continental abgestiegen war, erscheinen die Hafenbilder nicht mehr pittoresk und lieblich, sondern bedrohlich. Schwarze Wolken sind aufgezogen, die Masten des Gemäldes «Mastenwald» erinnern eher an Mahnmale denn an schaukelnde Schiffe. Ein anderes Gemälde zeigt einen Poller mit einem umgeschlungenen Seil, wie als Sinnbild für ein gefesseltes Leben. Auch im Bild «Fischmarkt» (1936) erscheint Ostende als eintönig und bedrohlich, gar als Ort der Hoffnungslosigkeit.[31]

Felix Nussbaum, Pier mit Poller, 1938

In einem Brief an seinen Lehrer Ludwig Meidner beklagte sich Nussbaum über seine Isolation: «Ob hier oder dort – ohne Echo zu schaffen ist bedrückend. Man steht zwischen unendlich vielen Bergwänden und ruft und schreit, und kein Echo klingt zurück. Bedrückend auch sind die vielen Bilder, die man gemalt hat und malt und die stumm auf Mansarden und sonstigen Dachkammern herumstehen und sich langweilen.»[32] Immerhin pflegte Nussbaum Kontakt mit dem Maler Carl Rabus, der 1938 und 1939 als leidenschaftlicher Aquarellist ebenfalls Sujets aus Ostende malte. Anders als Nussbaum und Platek überlebten Rabus und seine Ehefrau, die Fotografin Erna Adler den Weltkrieg in Brüssel; danach verlegten sie ihren Wohnsitz nach Murnau.

Carl Rabus, Ostende, 1938/1939
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Fotografie von Erna Adler

Ab 1937 hausten Felix Nussbaum und Felka Platek in einer engen Mansarde in Brüssel. In seinem Roman «Felix und Felka» (2018) hat Hans Joachim Schädlich die sich ständig verengenden Spielräume des Ehepaares, welche mit Spannungen untereinander einhergingen, auf beklemmende Weise eingefangen. Felix Nussbaum selbst hat ihre Situation und die anderer Emigranten in seinem Gemälde «Das Geheimnis» verdichtet ausgedrückt: Die drei Figuren scheinen in einer konspirativen Situation aufeinandergestossen zu sein, ihr Misstrauen und die Angst, verraten zu werden, lassen sich an ihren expressiven Handgesten ablesen.

1940 wurde Felix Nussbaum in ein Lager nach St. Cyprien nahe der Pyrenäen deportiert. Von dort konnte er auf abenteuerlichem Weg zurück nach Brüssel fliehen und mit Felka Platek in einem Zimmer bei einem befreundeten Kunsthändler unterkommen. Die beiden wurden jedoch verraten. Mit  dem letzten Deportationszug aus Belgien in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wurden sie in den folgenden Monaten (der genaue Zeitpunkt ist unbekannt) ermordet. Ein guter Teil seiner Gemälde, darunter zahlreiche aus Ostende, haben jedoch unter glücklichen Umständen den Krieg überstanden. Heute sind sie als ausgesprochen eindrucksvolle Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung im Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück zu besichtigen.

[1] Vgl. Lena Carlsson, Frihetslif! Selma Lagerlöf och Sophie Elkan „två ensamma fruntimmer“ på resa med kamera, Karlstad 2017.

[2] Daniel Di Falco, Im Land des Unbehagens, Bern 2010, S. 14-25.

[3] Volker Weidermann, Ostende. 1936 – Sommer der Freundschaft, Köln 2014.

[4] Für einen Überblick: Xavier Tricot, Bonjour Ostende. Oostende in de internationale kunst/ Ostende dans l’art international, Pandora Publishers, Antwerpen 2013.

[5] Zit. nach Johannes Winter, Mit Künstlern unterwegs. Wo Maler, Dichter und Musiker ihr Glück fanden, Frankfurt a.M. 2015, S. 93-106

[6] Ebd.

[7] Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, hg. von Oliver Matuschek, Frankfurt 2017, S. 239.

[8] Ebd. S. 238-240.

[9] Magdalena M. Moeller (Hg.), Max Kaus – Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, München 2015, S. 9-11.

[10] Tricot, Bonjour Ostende, S. 72.

[11] Rosine De Dijn, Albert Einstein & Elisabeth von Belgien. Eine Freundschaft in bewegter Zeit, Regensburg 2016, S. 94.

[12] Ebd., S. 94.

[13] Catherine Barjansky, Portraits With Backgrounds, New York 1947, S. 178. Übersetzung Rosine De Dijn.

[14] De Djin, S. Albert Einstein & Elisabeth von Belgien, S. 98.

[15] Ebd., S. 122.

[16] Weidermann, Ostende, S. 27-38.

[17] Zit. nach ebd., S. 129.

[18] Géza von Cziffra, Der Heilige Trinker. Erinnerungen an Joseph Roth, Berlin 2006, S. 81.

[19] Stefan Zweig an Joseph Roth, 21. Januar 1936, in: «Jede Freundschaft mit mir ist verderblich!» Joseph Roth und Stefan Zweig. Briefwechsel 1927 – 1938, hg. von Madeleine Rierra / Rainer Joachim Siegel, Göttingen 2011 S. 277 f.

[20] Stefan Zweig an Joseph Roth, 31. März 1936, in: Ebd., S. 303 f.

[21] Joseph Roth an Stefan Zweig, 12. November 1935, in: Ebd., S. 263-266.

[22] Weidermann, Ostende, S. 48.

[23] Ebd., S. 63.

[24] Zit. nach Hiltrud Häntzschel, Irmgard Keun, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 67.

[25] Zit. nach Weidermann, Ostende, S. 79.

[26] Beate Kennedy, Irmgard Keun: Zeit und Zitat. Narrative Verfahren und Literarische Autorschaft im Gesamtwerk, Berlin 2014, S. 224.

[27] Zit. nach: Irmgard Keun, Das Werk Bd. 2, Göttingen 2017, S. 821-823.

[28] Zit. nach: Kennedy, Irmgard Keun, S. 212.

[29] Zit. nach Mark Schaevers, Orgelmann. Felix Nussbaum. Ein Malerleben, Berlin 2016, S. 28.

[30] Ebd. S. 18-22.

[31] Ebd., S. 135.

[32] Zit. nach ebd. S. 28.

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